FORSCHUNGSSTELLE REKULTIVIERUNG
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Orchideen

„Orchideen gibt´s doch nur im Blumenladen“, glauben zumindest viele, die sich die auffälligen, meist aus tropischen Regionen stammenden Pflanzenarten vorstellen. Aber auch in Mitteleuropa, und sogar fast bei uns vor der Haustür, können wir Orchideen beobachten. In den Tropen, wo sie ihr Vielfältigkeitszentrum haben, wachsen sie vielfach als Aufsitzerpflanzen auf den Urwaldbäumen. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den mitteleuropäischen Vertretern dieser noch jungen Pflanzenfamilie um Arten, die auf dem Boden wachsen. Man bezeichnet sie deshalb auch als „Erdorchideen“.
Orchideenarten kann man an den parallel-genervten Laubblättern und dem charakteristischen Blütenaufbau erkennen. Kennzeichnend ist bei Betrachtung der Blüten die meist dreifach geteilte untere Lippe, die einen idealen Landeplatz für die jeweiligen Bestäuber (Insektenarten) bildet. Zudem sind die Narbe und ein oder zwei Staubfäden zu einem Organ zusammengewachsen, dem Säulchen.
In den folgenden Jahren werden weiterhin Pflege- und Sicherungsmaßnahmen durchgeführt, um die artenreiche Orchideenflora in den Rekultivierungsgebieten zu erhalten. Spannend bleibt die Frage, ob in nächster Zeit weitere Arten entdeckt werden.

Orchideenwiese:

Großer Bestand des Übersehenen Knabenkrauts ( Dactylorhiza pratermissa) im Rekultivierungsgebiet Ville.

Lebensraum

In Deutschland kommen rund 60 Orchideenarten vor. Die Verbreitungsschwerpunkte bzw. die orchideenreichsten Gebiete sind die Kalkgebirge Süddeutschlands wie Fränkische und Schwäbische Alb, die Nordalpen, die Rhön, das Saarland und die Eifel. Viele dieser Arten wachsen auf ehemaligen mageren Weideflächen oder deren ersten Verbuschungsstadien, die heute mit Hilfe landschaftspflegerischer Maßnahmen regelmäßig oder sporadisch offen gehalten werden. Einige Arten sind aber auch echte Waldbewohner, manche wachsen hier im Dunkel der Bestände, die meisten jedoch in lichten, nährstoffarmen Wäldern oder an Waldrändern. Für sie ist neben dem Nährstoffangebot vor allem eine ausreichende Menge an verfügbarem Sonnenlicht wichtig.
An diesen bevorzugten Biotoptypen ist schon absehbar, dass unsere heimischen Orchideenarten sowohl auf Licht angewiesen sind, als auch sehr nährstoffreiche Standorte meiden. Vor allem die Nährstoffgaben durch Luft und Landwirtschaft, aber auch die Verbuschung ehemaliger Wuchsorte führen deshalb dazu, dass viele Orchideenarten heute in ihrem Bestand gefährdet sind. So gelten 38 der 44 in Nordrhein-Westfalen vorkommenden Orchideenarten als gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Zwei Arten sind in den letzten Jahrzehnten bereits ausgestorben.

Eifel:

Magerrasen und Wacholderheiden auf kalkhaltigem Gestein sind in der Nordeifel die typischen Wuchsorte vieler heimischer Orchideenarten.

Artenschutzmaßnahmen

Eine Besonderheit der Rekultivierungmaßnahmen im Rheinischen Braunkohlenrevier ist die Verkippung nährstoffarmer Bodensubstrate. Dies betrifft nicht nur die sand-, ton- oder kiesgeprägten Sonderstandorte, sondern auch die land- und forstwirtschaftlichen Flächen. Während für die Herstellung von Äckern und Wiesen reiner, meist kalkreicher Löß verwendet wird, besteht der Waldboden aus sogenanntem Forstkies, einer Mischung aus Sand, Kies und zumeist kalkreichem Löß. Da auf den Grünlandstandorten und in den Forstkulturen auf eine Düngung verzichtet wird, bleibt der magere Zustand dieser Flächen über viele Jahre erhalten. Dies und die Tatsache, daß die einzelnen Grünland- und Forstflächen unterschiedliche Bodenfeuchteverhältnisse aufweisen, sind die Gründe für den Orchideenreichtum des Rheinischen Braunkohlenreviers. Bis heute (Stand 31.12.2008) konnten in der Rekultivierung 18 verschiedene Orchideenarten nachgewiesen werden. Dabei nimmt eine Art, die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis heleborine), eine besondere Stellung ein. Sie ist nahezu flächendeckend in den Rekultivierungsgebieten verbreitet und kann hier als Pionierpflanze bezeichnet werden.
Für den Erhalt der Orchideenvielfalt werden umfangreiche Pflegemaßnahmen wie die Beweidung oder Mahd von Grünlandstandorten oder das Auflichten von Gehölzbeständen umgesetzt.

Beweidung:

Pflegemaßnahme im Rekultivierungsgebiet Ville.

Ergebnisse und Aussicht

Bereits in den 1960er Jahren wurden die ersten Orchideenvorkommen im Rheinischen Braunkohlenrevier bekannt. Durch intensive Untersuchungen vor allem ehrenamtlicher Orchideenkundler seit Beginn der 1990er Jahre wurden zahlreiche Vorkommen und viele weitere Arten belegt. Bis zum Jahr 2005, dem Erscheinungsjahr des Buches "Tiere und Pflanzen in der Rekultivierung", konnten insgesamt 14 Orchideenarten (zum alten Text "Orchideen" im Archiv) in der Rekultivierung sicher nachgewiesen werden. Dank weiterer Suche stieg diese Zahl in den letzten Jahren auf 18 an.
2005 entdeckte Dr. Werner DIETRICH im Rekultivierungsgebiet Garzweiler erstmalig das Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia). Inzwischen ist diese Art auch in den Rekultivierungsgebieten Frimmersdorf und Inden nachgewiesen worden.
2007 gelang Peter ROLF und Hans-Joachim BOLZEK vom AHO (Arbeitskreis Heimischer Orchideen) im Rekultivierungsgebiet Garzweiler der Erstnachweis der Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinium) in der Rekultivierung und Martin WERNER (AHO) im gleichen Gebiet der erste sichere Nachweis der Braunroten Stendelwurz (Epipactis atrorubens). Ebenfalls im Jahr 2007 meldete Robert MOHL einen Einzelfund von Müllers Stendelwurz (Epipactis mülleri) an der rekultivierten Inde.