FORSCHUNGSSTELLE REKULTIVIERUNG
Sie sind hier: Startseite » Aktivitäten » Freilandforschung » Libellenkartierung 2003 (2004-2008)

Libellenkartierung 2003-2008

Einführung

Im Rahmen der rekultivierungsweiten Amphibienkartierung im Jahre 2002 wurden nahezu alle bekannten Gewässer in den Rekultivierungsgebieten der Tagebaue Ville, Frechen, Berrenrath, Bergheim, Fortuna, Frimmersdorf, Garzweiler, Hambach, Zukunft und Inden begutachtet. Im Verlaufe dieser Untersuchung gelang es nicht nur, wesentliche Daten zur Verbreitung der Amphibien zusammenzutragen, sondern auch, sich ein Bild über den Zustand und die Ausgestaltung der Rekultivierungsgewässer zu verschaffen. Letzteres nahm die RWE Power AG zum Anlass, die Forschungsstelle Rekultivierung für das Jahr 2003 mit einer rekultivierungsweiten Kartierung der Libellen zu beauftragen.
Im Gegensatz zur Amphibienkartierung 2002 wurden jedoch nicht alle Gewässer untersucht. Aufgrund des hohen Zeitaufwandes der Libellenerfassung und der doch häufig ähnlichen Ausgestaltung der Gewässer wurden nur ausgewählte, für den jeweiligen Rekultivierungsbereich charakteristische Gewässer aufgesucht.
Nachfolgend werden die Untersuchungsmethoden, Daten früherer Kartierungen und die aktuellen Ergebnisse der Erfassung vorgestellt. Die Ergebnisdarstellung soll jedoch nur einen kurzen Überblick über die Libellenvorkommen auf den Rekultivierungsflächen des Rheinischen Braunkohlenreviers verschaffen. Ausführliche Daten zu Vorkommen und Verbreitung der einzelnen Arten sowie die kartographische Darstellung der in der Untersuchung berücksichtigten Gewässer sind in der Forschungsstelle Rekultivierung verfügbar.

Vierfleck:

Eine der ersten Libellenarten an neu entstandenen Gewässern (Pionierart).

Untersuchungsmethoden und Gewässer

Für die qualitative Erfassung der Libellenfauna an Stillgewässern sollten nach Angaben der LÖBF (1996) 3 Begehungen im Jahr durchgeführt werden. Als Termine werden Ende Mai/Anfang Juni, Mitte Juli und Ende August/Anfang September genannt.
Aufgrund des hohen Zeitaufwandes der Libellenkartierung und der Fülle der zu untersuchenden Gewässer wurde die Anzahl der Begehungen auf 2 reduziert. Einzelne besonders interessante Gewässer wie das Elsbachtal im Rekultivierungsgebiet des Tagebaus Garzweiler wurden jedoch auch öfter aufgesucht. Der Hauptkartierzeitraum erstreckte sich von Ende Juni bis Ende August. Vereinzelt wurden Kartierungen auch im Frühjahr und Herbst durchgeführt. Erfasst wurden die Imagines mittels Sichtbeobachtung, Fang oder Fotodokumentation.
Trotz des zeitlich eingeschränkten Methodenaufwandes kann davon ausgegangen werden, dass die in der Rekultivierung verbreiteten Arten ausreichend dokumentiert wurden. Lediglich bei den "frühen" Arten sowie bei einzelnen sporadisch auftretenden Vorkommen könnten Defizite verzeichnet werden.
In den Jahren 2004 bis 2008 wurden in den verschiedenen Rekultivierungsbereichen vereinzelt Gewässer begangen und gezielt auf Libellen untersucht, darunter auch die erst in 2005 fertiggestellten Fließgewässer Inde und Fürstenberggraben. Darüber hinaus flossen Daten in die unten stehende Tabelle ein, die im Rahmen anderer Projekte (z.B. "Monitoring Indeaue") erhoben wurden.

Bis 2003 vorhandene Daten

In dem von der Forschungsstelle Rekultivierung angelegten Tierartenkataster (veröffentlicht im Buch "Tiere und Pflanzen in der Rekultivierung") sind die bisher vorliegenden Daten zu den Libellen des Rheinischen Braunkohlenreviers zusammengetragen. Insgesamt 13 Arbeiten wurden danach in der Zeit von 1961 bis 1999 durchgeführt, in denen Libellen Gegenstand der Forschung waren. Bei den meisten dieser Arbeiten sind die Libellen gezielt erfasst worden, so dass zumindest mit einem annähernd kompletten Artenspektrum aus den untersuchten Gebieten zu rechnen ist. Den übrigen Untersuchungen sind unsystematische und zufällige Beobachtungen von Libellen zu entnehmen.
Mit Ausnahme von Bergheim und Zukunft/Inden liegen aus allen Tagebaugebieten Daten zur Libellenfauna vor. Als zum Teil recht gut untersucht können das Südrevier sowie die Rekultivierungsbereiche der Tagebaue Ville, Hambach, Berrenrath und Frechen angesehen werden. Die Datengrundlage für die rekultivierten Abschnitte der Tagbaue Fortuna, Frimmersdorf und Garzweiler ist dagegen deutlich schlechter.
Durch die bisherigen Untersuchungen wurden insgesamt 36 Libellenarten in den Rekultivierungsgebieten des Rheinischen Braunkohlentagebaus nachgewiesen. Die meisten Arten sind in mehreren Tagebaubereichen, z.T. über das gesamte Revier verbreitet. Für einige Arten liegen bisher nur Einzelnachweise vor. Zu diesen zählen die Grüne Mosaikjungfer (Aeshna viridis), eine Art, die in Nordrhein-Westfalen als ausgestorben gilt (SCHMIDT & WOIKE 1999), und die in NRW vom Aussterben bedrohte Gefleckte Smaragdlibelle (Somatochlora flavomaculata). Für beide kann ein stetiges Vorkommen in der Rekultivierung nahezu ausgeschlossen werden. Somit kann man davon ausgehen, dass es sich hier um Zufallsbeobachtungen oder Fehlbestimmungen handelt.

Ergebnisse der aktuellen Untersuchung

Im Verlaufe des Untersuchungsjahres 2003 konnten 35 der insgesamt 72 in Nordrhein-Westfalen vorkommenden Arten (SCHMIDT & WOIKE, 1999) nachgewiesen werden, darunter 6, die bisher noch nicht in den Rekultivierungsgebieten des Rheinischen Braunkohlenrevieres festgestellt wurden. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der erfassten Libellen auf 42. Neu hinzugekommen sind Südliche Mosaikjungfer (Aeshna affinis), Späte Adonislibelle (Ceriagrion tenellum), Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia dubia), Südlicher Blaupfeil (Orthetrum brunneum), Frühe Heidelibelle (Sympetrum fonscolombii) sowie die Gebänderte Heidelibelle (Sympetrum pedemontanum). Mit Ausnahme der Späten Adonislibelle und der Kleinen Moosjungfer handelt es sich hierbei um Arten mit süd- oder südosteuropäischen Verbreitungsschwerpunkten, die in den letzten Jahren häufiger in NRW beobachtet werden können und z.T. bereits zum festen Bestand der hiesigen Libellenfauna zählen. Sie haben sicherlich in besonderem Maße von dem überaus warmen Sommer im Untersuchungsjahr 2003 profitiert. Auch andere, bereits aus früheren Begehungen bekannte Arten mediterranen Ursprungs wie die Pokal-Azurjungfer (Cercion linenii) und das Kleine Granatauge (Erythromma viridulum) konnten im Rahmen der Kartierung vermehrt festgestellt werden. Der Einzelnachweis der Kleinen Moosjungfer im Elsbachtal (Tagebau Garzweiler) ist als Zufallsfund zu werten. Von besonderer Bedeutung ist der Nachweis der Späten Adonislibelle. Sie ist in NRW stark gefährdet und in Deutschland vom Aussterben bedroht. An einem Gewässer im Rekultivierungsgebiet des Tagebaus Garzweiler konnten mehrere Exemplare dieser Art nicht nur 2003, sondern auch in den Folgejahren erfasst werden, so dass von einer dauerhaften Ansiedlung ausgegangen werden kann. Im Jahr 2008 wurde ein weiteres Vorkommen dieser Art am Fürstenberggraben (ehemaliger Tagebau Frechen) entdeckt.

Frühe Heidelibelle

Mediterrane Art, die 2003 häufiger in der Rekultivierung nachgwiesen wurde.

Von den 36 in früheren Untersuchungen dokumentierten Arten konnten 7 im Jahr 2003 nicht wieder nachgewiesen werden. Unter diesen befinden sich 5 Arten - Braune Mosaikjungfer (Aeshna grandis), Kleine Mosaikjungfer (Brachyton pratense), Großes Granatauge (Erythromma najas), Gefleckte Smaragdlibelle (Somatochlora flavomaculata) und Glänzende Smaragdlibelle (Somatochlora metallica) -, die bisher nur in den Rekultivierungsbereichen Südrevier und Ville erfasst wurden. Da das bereits nicht mehr im Eigentum der RWE Power AG befindliche Südrevier sowie die älteren Rekultivierungsbereiche des Tagebaus Ville in der aktuellen Untersuchung nicht kartiert wurden, ist ein weiteres Vorkommen (mit Ausnahme der Gefleckten Smaragdlibelle, s.o.) dieser Arten in der Rekultivierung nicht auszuschließen.
Ausgeschlossen werden kann dagegen das Vorkommen der in NRW ausgestorbenen Grünen Mosaikjungfer (Aeshna viridis). Sie wurde 1986 einmalig auf der Kasterer Höhe (Tagebau Garzweiler) nachgewiesen. Es ist jedoch anzunehmen, dass es sich in diesem Fall um eine Fehlbestimmung handelt.
Ebenfalls nicht wiedergefunden wurde die Fledermaus-Azurjungfer (Coenagrion pulchellum). Von dieser Art wurden zuletzt 1996 einige Exemplare an verschiedenen Teichen auf der Sophienhöhe erfasst. Es ist durchaus möglich, dass sie im Jahr 2003 übersehen wurde. Daher sollten aktuelle Vorkommen dieser Art auf der Sophienhöhe durch weitere Kartierungen überprüft werden.

Im Jahr 2005 wurde im Rekultivierungsgebiet Frechen das Große Granatauge (Erythromma najas , Quelle: J. RODENKIRCHEN / C. CHMELA, mündl. Mitt.) und an der rekultivierten Inde die Braune Mosaikjungfer (Aeshna grandis) sowie vermutlich die Kleine Mosaikjungfer (Brachyton pratense) beobachtet.

Im Sommer 2006 konnte an kleinen flachen Tümpeln auf einer Tonfläche im Rekultivierungsgebiet des Tagebaus Fortuna die Südliche Binsenjungfer (Lestes barbarus) beobachtet werden. Die Südliche Binsenjungfer gilt in NRW nach wie vor als stark gefährdet, profitierte jedoch in den letzen Jahren von Naturschutzmaßnahmen wie etwa der Anlage von Blänken im Rahmen des Feuchtwiesenschutzprogramms. Dies ist der erste sichere Nachweis dieser Art auf Rekultivierungsflächen im Rheinischen Braunkohlenrevier. Damit steigt die Anzahl der in der Rekultivierung nachgewiesenen Libellenarten auf 43.

Für das Jahr 2007 meldete R. AXER den Spitzenfleck (Libellula fulva) als neue Art der Rekultivierung. Er wurde am Fürstenberggraben (ehemaliger Tagebau Frechen) entdeckt.

Im Jahr 2008 konnten insgesamt 4 neue Arten in den Rekultivierungsgebieten beobachtet werden. In der Indeaue trat erstmalig die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo) auf, für das Südrevier meldeten J. RODENKIRCHEN und N. MENKE die Keilfleck-Mosaikjungfer (Aeshna isosceles), die kleine Königslibelle (Anax parthenope) sowie die in NRW als ausgestorben geglaubte Zierlichliche Moorjungfer (Leucorrhinia caudalis). Zudem entdeckten sie an mehren Gewässern den Spitzenfleck (Libelliua fulva).

Bisher (Stand 31.12.2008) wurden somit 48 Libellenarten in den Rekultivierungsgebieten nachgewiesen.