FORSCHUNGSSTELLE REKULTIVIERUNG
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Indeaue

Einführung

Im Jahr 2005 erreichte der Tagebau nördlich von Lamersdorf den früheren Verlauf der Inde, dem Fluss, der dem Ort Inden und damit auch dem Tagebau seinen Namen gegeben hat. Bereits 1996 war im Bereich der Rekultivierung des Tagebaus mit der Herstellung des neuen Flussbettes begonnen worden. Nördlich von Lamersdorf verlässt nun die neue Inde ihr altes Flussbett und verläuft auf etwa 12 Kilometern frei durch eine neue, bis zu 300 Meter breite Aue. Südlich von Kirchberg erreicht sie wieder ihr altes Flussbett kurz vor der Einmündung in die Rur. Dieser neue Indeabschnitt ersetzt damit rund fünf Kilometer des alten, begradigten Flusslaufes. Der gesamte Bereich der neuen Flussaue wurde mit 400 000 Bäumen und Sträuchern bepflanzt und durch Wildwiesen, wechselfeuchte und dauerfeuchte Bereiche und stellenweise flache Uferzonen zusätzlich ökologisch aufgewertet. (RWE-Power-AG, Tagebau Inden)

Das Monitoring-Programm

Die neue Indeaue ist fertig gestellt, die Inde fließt seit Frühjahr 2005 zum Teil, seit Herbst 2005 ausschließlich in ihrem neuen Bett. Bereits 1998/99 wurden die ersten Abschnitte rekultiviert. Bis zur Umleitung der alten Inde in ihr neues Bett wurde in die bereits fertig gestellten Bereiche der neuen Inde Sümpfungswasser eingeleitet, um eine frühzeitige Ansiedlung gewässerabhängiger und auentypischer Tier- und Pflanzenarten zu erreichen. Ziel der ersten Untersuchung im Jahr 2003 war es, diese frühe Ansiedlung zu dokumentieren sowie das Besiedlungspotential für den neuen Indeabschnitt einzuschätzen. Die Untersuchungen in den Jahren 2005 und 2006 sollten zeigen, wie sich Fauna und Flora während und nach der Umleitung der Inde in ihr neues Bett verändern.

Als Zielgruppen wurden neben der Vegetation die Vögel, die Tagfalter, die Heuschrecken und die Libellen ausgewählt. An insgesamt drei Abschnitten des „neuen“ Indelaufs wurden im Jahre 2003, an vier Abschnitten in den Jahren 2005 und 2006 Bestandsaufnahmen durchgeführt.

Untersuchungsabschnitte (Probeflächen)

Die Probefläche 3 liegt westlich von Lamersdorf und wurde bereits 1998/99 verkippt und bepflanzt. Die südlich an landwirtschaftlich rekultivierte Flächen angrenzende Böschung wurde 4-5 Jahre zuvor aufgeforstet. 2002 erfolgte eine Ansaat mit der Standardmischung RSM 7.3.1 für Feuchtlagen.

Die Probefläche 4 liegt im Mittelabschnitt der rekultivierten Indeaue und wurde 1999 bis 2000 wiederhergestellt. Die westlich angrenzende bestockte Böschung wurde etwa 3-4 Jahre früher aufgeforstet. Als Besonderheit weist diese Probefläche ein größeres Stillgewässer mit Anbindung an die Inde auf.

Die Probefläche 5 befindet sich im nördlichen Mittelabschnitt und wurde 2002 rekultiviert. Die westlich angrenzende aufgeforstete Böschung ist ca. 2-3 Jahr älter. Die Besonderheiten dieses Indebereichs sind der Sandfang sowie die oberhalb der fünfjährigen Hochwassermarke angelegte große Wiesenfläche.

Die Probefläche 6 im nördlichen Abschnitt des neu geschaffenen Indelaufs nahe der Wirtschaftswegebrücke wurde 2005 wiederhergestellt. In diesem Bereich ist die Aue stark aufgeweitet und weist zahlreiche Klein- und Kleinstgewässer sowie größere Flachwasserzonen auf. Letztere treten besonders südlich der Probefläche 6 in Erscheinung.

Ergebnisse

Vegetationsentwicklung
Die Einleitung von Sümpfungswasser in die bereits fertig gestellten Abschnitte der neuen Inde führte zu einer frühzeitigen Ansiedlung gewässertypischer Arten der Flora und Fauna. Während sich in den älteren Abschnitten Stillgewässer mit dauerhaft vernässten Röhrichten entwickelten, zeichneten sich die jüngeren Bereiche durch großflächige, vegetationsarme Flachwasserzonen aus. Mit der Umleitung der Inde wichen die Stillgewässer innerhalb des Flussbettes dem Fließgewässer. Lediglich die außerhalb des Flussbettes gelegenen Gewässer blieben erhalten. Die ersten Hochwasserereignisse im Winter 2005 und Frühjahr 2006 sorgten für weitere Veränderungen in der Aue, wie z.B. die Entstehung von Flutmulden, Kies- und Schlammbänken, Uferabbrüchen etc.

Die vor allem in den älteren Bereichen stark ausgeprägten stillgewässertypischen Röhrichte sind vorwiegend infolge von Uferabbrüchen sowie stärkerer Wasserüberstauung und –dynamik stark zurückgegangen. Schlammufer mit ihren charakteristischen Schlammbodengesellschaften und dichte Weidenbüsche treten vielerorts an ihre Stelle. An allen Probeflächen sind erste Initialen einer fließgewässertypischen Vegetation erkennbar. Flutmulden und ausgedehnte Flachwasserbereiche bilden Stillgewässer, die im Zusammenspiel mit wechselfeuchten und trockenen Bereichen der Aue wesentlich zum Artenreichtum der Flora und Fauna beitragen.

Im Jahr 2006 wurden im Bereich der vier Probeflächen am neuen Indeabschnitt insgesamt 61 Vogelarten nachgewiesen (2005: 55). Bei 20 Arten (2005: 26) ist von Brutvorkommen bzw. besetzten Revieren auszugehen, bei vier weiteren Arten (2005: 9) besteht Brutverdacht (siehe Tabelle Avifauna [122 KB] ). Die übrigen 37 Arten (2005: 20) sind als Nahrungsgäste, Durchzügler und Wintergäste einzustufen. Während 2005 die beiden ältesten Standorte 3 und 4 noch die artenreichsten waren, sind es 2006 die beiden jüngsten. Auf der Probefläche 6 wurde 2006 mit 41 Arten die höchste Artenvielfalt von Vögeln (Brutvögel und Gastvögel) festgestellt (2005: 24), auf der Fläche 4 mit 17 Arten die geringste (2005: 28). Im Bereich der Probeflächen 3 und 5 wurden 24 bzw. 29 Arten (2005: 27 und 21) nachgewiesen. Die Anzahl der vermuteten bzw. potenziellen Brutvogelarten war auf allen vier Standorten mit jeweils 13 bis 15 Arten sehr ähnlich (2005: PF3 18, PF4 22, PF5 10, PF6 10, siehe Tabelle Avifauna [122 KB] ).

Die Unterschiede in den Gesamtartenzahlen resultieren 2006 aus unterschiedlichen Zahlen von Gastvögeln (Sommergästen, Durchzüglern und Wintergästen): So wurden am Standort 4 lediglich vier Gastvogelarten nachgewiesen, 27 Arten am Standort 6. Die hohe Attraktivität des Standortes 6 für Durchzügler gründet sich insbesondere auf das Angebot an Kleingewässern und Flachwasserzonen mit (noch) nicht allzu dichtem Bewuchs. Hier finden u.a. ziehende Wasservögel und Limikolen geeignete Aufenthalts- und Nahrungsräume.

Als Folge der fortgeschrittenen Vegetationsentwicklung in den älteren Rekultivierungsbereichen kann eine Abnahme der Offenlandarten und eine Zunahme der gehölztypischen Arten beobachtet werden.

Im Bereich der Probefläche 3 setzt sich das Brutvogelspektrum aus typischen Arten junger Waldstadien und Gebüsche (z.B. Fitis, Zilpzalp, Goldammer), Arten der Hochgrasfluren und Röhrichte (Sumpfrohrsänger, Rohrammer) sowie einzelnen gewässertypischen Arten (Stockente, Blässhuhn) zusammen. Möglicher Brutvogel ist außerdem die Gebirgsstelze, eine charakteristische Art der Fließgewässer. Als landesweit gefährdete Brutvogelart wurde die Schafstelze (RL NRW 3) festgestellt, eine typische Art der Extensivwiesen und der offenen Feldflur.

Kanadagänse

Stillwasserbereiche im Mittelabschnitt der Indeaue.

Im Bereich der Probefläche 4 wurden 2006 die meisten Brutvogelarten gehölzgeprägter Lebensräume festgestellt, unter anderem Amsel, Singdrossel und Gartengrasmücke. Weiterhin kommen einzelne Brutvogelarten der Hochgrasfluren und Röhrichte sowie der Gewässer vor. Als gefährdete Brutvogelart wurde der für Offenlandlebensräume typische Wiesenpieper (RL NRW 3) registriert. Das Aufkommen an Gastvögeln (Nahrungsgästen und Durchzüglern) war im Vergleich zu den anderen Standorten gering.

Im Bereich der Probefläche 5 waren ebenfalls Brutvogelarten des Offenlandes, des Halboffenlandes, der Gebüschlebensräume sowie der Gewässer und Röhrichte vertreten. Schafstelze (RL NRW 3) und Wiesenpieper (RL NRW 3) sind Arten der offenen Feldflur, ebenso die Feldlerche, die sich hier eventuell aufgrund der Anlage einer grünlandartigen Fläche etwas oberhalb vom Auenbereich dauerhaft halten könnten.

Fläche 6 wies auch im Jahr 2006 noch kaum Vorkommen von Brutvogelarten mit Bindung an gehölzgeprägte Lebensräume auf. Dominierend waren Arten des Offenlandes, der Hochgrasfluren und Röhrichte sowie gewässertypische Arten. Als Besonderheiten sind die Brutvorkommen von Kiebitz (RL NRW 3), Flussregenpfeifer (RL NRW 3), Wiesenpieper (RL NRW 3) und Schafstelze (RL NRW 3) herauszustellen. Auffallend war die hohe Anzahl bemerkenswerter Gastvögel, darunter Krickente (RL NRW 2), Löffelente (RL NRW 2), Rohrweihe (RL NRW 2), Wiesenweihe (RL NRW 1), verschiedene Limikolenarten sowie Sumpfohreule (RL NRW 1).

Auf den 4 Probeflächen konnten 2006 vier landesweit gefährdete (RL NRW 3) Brutvogelarten nachgewiesen werden. Während Kiebitz, Schafstelze und Wiesenpieper charakteristisch für feuchtes bzw. extensiv genutztes Grünland sind, gilt der Flussregenpfeifer als Pionierart vegetationsarmer Standorte in naturnahen Flußauen.

Von den 2006 nachgewiesenen Brutvogelarten werden fünf in NRW als „zurückgehend“ (RL NRW V) eingestuft. Hierbei handelt es sich um die Offenlandart Feldlerche, die gehölztypischen Arten Baumpieper, Dorngrasmücke und Goldammer sowie die Röhrichtart Rohrammer.

Unter den 2006 registrierten Gastvogelarten finden sich folgende Besonderheiten bzw. Rote-Liste-Arten: Schnatterente (RL NRW R, W), Krickente (RL NRW 2), Löffelente (RL NRW 2), Tafelente (RL NRW 2, W), Gänsesäger (RL NRW W), Rohrweihe (RL NRW 2), Kornweihe (RL NRW 0, W), Wiesenweihe (RL NRW 1), Alpenstrandläufer, Waldwasserläufer (RL NRW W), Bruchwasserläufer (RL NRW 0, W), Flussuferläufer (RL NRW 0, W), Rotschenkel (RL NRW 1, W), Grünschenkel (RL NRW W), Sumpfohreule (RL NRW 0), alle als Durchzügler bzw. Wintergäste, weiterhin Eisvogel (RL NRW 3, W) als Nahrungsgast an Gewässern und Rauchschwalbe (RL NRW 3, W) als Durchzügler und Nahrungsgast im Luftraum über den Auenbereichen.

Kreuzkröte (Bufo calamita)

In den Jahren 2005 und 2006 konnten folgende fünf Amphibienarten an der neuen Inde nachgewiesen werden: Kreuzkröte, Kleiner Teichfrosch, Teichmolch, Erdkröte und Grasfrosch (siehe Tabelle Amphibien [63 KB] ). 2003 waren es nur drei Arten.

Die Kreuzkröte als typische Pionier- und Offenlandart war bereits im Jahre 2003 am gesamten rekultivierten Indelauf in größeren Populationen vertreten. Auch in den Jahren 2005 und 2006 konnte sich diese Art trotz fortschreitender Sukzession in den Kleingewässern der Aue behaupten.

Der kleine Teichfrosch hat die neue Indeaue ebenfalls rasch besiedelt. Er konnte schon 2003 an den beiden ältesten Standorten 3 und 4 nachgewiesen werden und trat 2005 an allen Probeflächen auf.

Der Teichmolch erobert dagegen nur langsam die rekultivierte Indeaue. 2003 besiedelte er lediglich den ältesten Bereich, 2005 konnte er im Mittelabschnitt der wiederhergestellten Inde, an Probfläche 4, 2006 zudem an Probefläche 5 festgestellt werden. Die jüngsten Bereiche hat diese Art bisher noch nicht erreicht. Die beiden Arten Erdkröte und Grasfrosch wurden im Jahre 2005 erstmalig nachgewiesen. Vereinzelte Nachweise gelangen auch 2006. Bisher wurden beide Arten, wie der Teichmolch, nur auf den älteren Probeflächen 3-5 festgestellt.

Südlicher Blaupfeil (Orthetrum brunneum)

Die frühzeitige Einleitung von Sümpfungswasser in die bereits fertig gestellten Abschnitte der rekultivierten Inde hat zur Entwicklung einer reichhaltigen Libellenfauna geführt. Neben klassischen Pionierarten wie dem Plattbauch konnten im Jahre 2003 bereits Arten nachgewiesen werden, die, wie die Winterlibelle oder die Herbst-Mosaikjungfer, an eine dichtere Vegetationsschicht gebunden sind. Insgesamt wurden im Jahre 2003 an den 3 untersuchten Probeflächen 19 Arten nachgewiesen (siehe Tabelle Libellen [86 KB] ).

Im Frühjahr 2005 wurde die Inde zum Teil in ihr neues Bett umgeleitet. Viele stillgewässertypische Strukturen (Röhrichte, Flachwasserbereiche etc.) und die daran angepassten Libellen, die sich im Laufe der Jahre im Indebett etabliert haben, blieben erhalten. Daneben besiedelten Arten der Fließgewässer, wie z.B. die Gebänderte Prachtlibelle, die Aue. Mit 24 Arten wurden im Jahr 2005 die bisher meisten Libellenarten beobachtet.

Mit der endgültigen Umlegung der Inde im Herbst 2005 und den anschließenden Hochwässern hat sich die Indeaue im Jahre 2006 deutlich verändert. Alte Strukturen sind zum Teil gewichen, neue entstanden. Nach wie vor spiegelt die Libellenfauna aber, wie in 2005, das Nebeneinander von Still- und Fließgewässern sowie das Mosaik früher und später Sukzessionsstadien wider. Das Artenspektrum hat sich kaum verändert und ist mit 20 nachgewiesenen Arten nur geringfügig artenärmer als 2005. Unter den bisher an der Inde beobachteten Libellenarten finden sich folgende Besonderheiten: Braune Mosaikjungfer (RL NRW/NB 3/3), Torf-Mosaikjungfer (RL NRW/NB 3/1), Gebänderte Prachtlibelle (RL NB 3), Kleine Pechlibelle (RL NRW/NB 3N/3N), Südlicher Blaupfeil (RL NRW/NB 1/1), Kleiner Blaupfeil ( RL NRW/NB 2/3), Gemeine Winterlibelle (RL NRW/NB 2/3), Frühe Heidelibelle (RL NRW/NB 1/1), Gebänderte Heidelibelle (RL NRW/NB 1/X) Massenvorkommen in 2005, Verdacht auf Kleine Mosaikjungfer (RL NRW/NB 2/3) und Quelljungfer (RL NRW/NB 3/3) in 2005.

Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescen

In den 3 Untersuchungsjahren wurden bisher 9 Heuschreckenarten an der rekultivierten Inde nachgewiesen: als Besonderheiten die Blauflügelige Ödlandschrecke (RL NRW 2) und die Säbeldornschrecke (RL NRW V). Die Gefleckte Keulenschrecke wurde nur im Jahr 2003 beobachtet. Erstmalig 2006 traten das Weinhähnchen und der Gemeine Grashüpfer auf. Der Nachweis des flugunfähigen Gemeinen Grashüpfers ist ein Beleg dafür, dass bereits weniger mobile Arten die Inde besiedelt haben (siehe Tabelle Heuschrecken [67 KB] ).

Schornsteinfeger (Aphantopus hyperantus)

Foto: Jochen Rodenkirchen

15 Tagfalterarten traten bisher in der wiederhergestellten Indeaue in Erscheinung (siehe Tabelle Tagfalter [72 KB] ). Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um weit verbreitete und häufige Arten. Eine etwas engere Biotopbindung weisen das Waldbrettspiel, der Schornsteinfeger und der Faulbaumbläuling (Wälder, Hecken u.a.) auf. Als Besonderheiten gelten der 2005 nachgewiesene Sonnenröschen-Bläuling (RL NRW 2) sowie die 2006 beobachtete Goldene Acht (RL NRW 3).

Faunistische Besonderheiten

Im Jahre 2006 gelang im Bereich der rekultivierten Inde der Nachweis der Ansiedlung des Bibers anhand zahlreicher Fraßspuren an Bäumen im Auenbereich. In der Nähe der Probefläche 3 gibt es Hinweise darauf, dass die Tiere hier einen Bau angelegt haben.

Fraßspuren des Bibers

Als absolute Besonderheit der Fauna hat der Biber bereits im ersten Jahr die Inde besiedelt.