FORSCHUNGSSTELLE REKULTIVIERUNG
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Kleiner Pechvogel im Glück

von Sylvia Urbaniak und Frank Seifert

"Im Frühsommer 2015 rief Dr. Johannes Kuth bei der Greifvogelauffangstation (www.greifvogelhilfe.de) von Sylvia Urbaniak und Frank Seifert an, er habe zwei junge Wanderfalken (Falco peregrinus) als Fundtiere aufgenommen. Dabei handelte es sich um zwei Jungtiere, die offensichtlich auf einem Schaufelradbagger im Tagebau Garzweiler erbrütet wurden. Einer der beiden konnte innerhalb weniger Tage wieder zu seinem Fundort zurück gebracht werden, der andere benötigte dringend intensive Pflege.

Der sprichwörtliche "Pechvogel" war offensichtlich mit Schmierstoffen des Baggers in Berührung gekommen. Außerdem stand zu befürchten, dass der Vogel mit seiner Schwinge- diese war stark verletzt und hing- in bewegliche Teile des Baggers geraten sein musste. Das Schwanzgefieder war zusätzlich stark beschädigt.
Der kleine männliche Wanderfalke wurde von uns gewaschen und entsprechend entölt. Dabei wurde ihm eine Falkenhaube aufgezogen, damit er seinen Badeausflug nicht als stressiges Erlebnis in Erinnerung behält. Mit einer Falkenhaube bleibt solch ein Vogel ganz ruhig und entspannt. Eine Röntgenuntersuchung danach nahm uns die Sorge, dass die abgestellte Schwinge gebrochen sein könnte.

An eine Federreparatur, dem sogenannten Schiften des völlig demolierten Schwanzgefieders, war allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken. Denn die Federn befanden sich noch mehrere Zentimeter im Blutkiel, da sie sich noch im Wachstum befanden. Erst nachdem das Gefieder komplett geschoben und trocken sein würde, konnte mit dem unbedingt notwendigen, professionellen „Aufschiften“ mit Ersatzfalkenfedern begonnen werden. Da uns leider kein vollständiger Satz Stoßfedern (insgesamt 12 Federn) eines jungen Wanderfalkenmännchens zur Verfügung stand, entschieden wir uns für einen neuen Federsatz aus Altvogelfedern mehrerer Mauserfedern verschiedener Terzel zusammen zu stellen. Eine kleine Bemerkung am Rande, weibliche Wanderfalken sind naturgemäß immer größer als Männliche und das Schwanzgefieder ist daher auch breiter und länger. Das war der Grund, warum man Ersatzfedern von einem männlichen Falken benötigt.

Aufgrund der Arbeitsbelastung durch die hohe Anzahl an eingelieferten Wanderfalken in der Pflegestation in diesem Jahr, musste nun jemand gefunden werden, der das Terzelchen für die Wildbahnfähigkeit trainieren würde. Da die Flügelverletzung mehrere Wochen nicht ausheilte, war der Zeitpunkt einer Rückführung zum Brutplatz leider überschritten und die Elternvögel waren nicht mehr vor Ort. Nun musste ein Mensch die schwierige Aufgabe übernehmen, dem Falken das Jagen bei zubringen. Denn ein flugfähiger Wanderfalke in einem solch jungen Alter hat das Jagen bis zum Fundtag noch nicht erlernen können. Wanderfalken leben nur von anderen Vögeln, die sie im rasanten Flug erbeuten. Ein Falknerkollege von der Greifvogelauffangstation (Detlef Schulz) übernahm dankenswerter Weise die Aufgabe des Eintrainierens und Norbert Buschmann das Schiften. Aus dem verunglückten kleinen Ölfalken entwickelte sich ein stolzer, voll leistungsfähiger Wanderfalke.

An dem Freilassungstag wurde der Falke noch mit einem Vogelwartenring gekennzeichnet.
Der Flügel hatte sich während der Trainingsphase wieder komplett regeneriert. Nach erlebnisreicher Zeit mit diesem Falken konnte er wieder im Tagebaubereich der Natur zurückgegeben werden.


Bleibt uns nur noch dem kleinen Kerl fest die Daumen zu drücken, auf dass er seine zweite Chance nutzen möge!"

Bilder & Text: Frank Seifert - (www.greifvogelhilfe.de)

Video: Vom Notfallpatienten zur erfolgreichen Auswilderung - Die Aufgabe von Auffangstationen und Falknern