Pflanzen in der Rekultivierung

Pflanzen prägen die terrestrischen Lebensräume in besonderer Weise. Durch die Photosynthese schaffen sie die stoffliche Grundlage der Biosphäre und durch ihre vielfältigen Lebensstrategien und die daraus resultierenden Wuchsformen prägen sie ihr Erscheinungsbild. Der Aufbau selbstregulierender Lebensgemeinschaften und ihre Leistungsfähigkeit hängt ganz entscheidend von der Etablierung der Vegetation ab. Neu entstehende Lebensräume werden von einer immer ähnlichen Abfolge von Pflanzen verschiedener Arten und Lebensformtypen besiedelt. Zunächst wechseln die Aspekte dabei rasch: von einjährigen Besiedlern roher Böden zu ausdauernden Kräutern. Zuletzt setzen sich – zumindest in Mitteleuropa – praktisch überall Gehölze durch. Die Wälder, die so entstehen, verändern sich nur noch vergleichsweise langsam.

Gerade in der Rekultivierung etabliert sich auf den günstigen Bodensubstraten unmittelbar nach der Verkippung der Substrate eine Rohbodenvegetation, unter anderem mit Klatschmohn, Gänsefuß und Knöterich. Meist keimen schon in der ersten Phase Birken und Weiden. In der Krautschicht werden die meist einjährigen Arten der ersten Besiedlungsphase von mehrjährigen Kräutern und Gräsern abgelöst - die Vegetationsdecke schließt sich und wird dann von den aufwachsenden Gehölzen zurückgedrängt. Abhängig von den jeweiligen Bedingungen können die tatsächlichen Aspekte der jungen Rekultivierung jedoch stark von diesem prinzipiellen Schema abweichen: sind beispielsweise Samen des Ginsters im verkippten Boden vorhanden, dominiert er in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren den Aspekt, bevor andere Baumarten sich durchsetzen.

Die Etablierung von Weide und Birke als typische Baumarten der ersten Gehölzgeneration ist sehr unterschiedlich und hängt möglicherweise stark von der Jahreszeit der Verkippung, den Wetterverhältnissen und den speziellen Substratverhältnissen bei der Verkippung ab. Gelingt die Keimung bereits in der Frühphase, setzten sie sich relativ rasch durch; sind die Keimungsbedingungen ungünstig, kann sich im extrem Fall eine Landreitgrasflur entwickeln, die offensichtlich sehr resistent gegen weitere Einwanderung sein kann. Trotz der allgemeinen Grundprinzipien der Sukzession ist daher die tatsächliche Entwicklung an einem bestimmten Ort – wie auch aus anderen Gebeiten bekannt – kaum vorherzusehen (Pickett et al. 2001).

Deswegen werden in der Rekultivierung die Sukzessionsprozesse gezielt gelenkt, um sicherzustellen, dass bestimmte Umweltqualitätsziele auch tatsächlich erreicht werden. Durch Aufforstung wird die Phase der Birken- und Weidensukzession, in der die Waldbäume erst langsam einwandern müssten, entscheidend abgekürzt. Schon nach etwa zehn Jahren bildet sich so eine geschlossene Kronenschicht, unter der die Primärbesiedler ausgedunkelt werden. In dem dann feucht-milden Mikroklima entwickelt sich rasch ein humoser Oberboden und die ersten Waldarten können einwandern. So lässt sich die Waldentwicklung entscheidend beschleunigen und in ihrem Bestand sichern (Wolf 1998). Dabei reagiert die Fauna auf diese Entwicklung – wegen ihrer Mobilität – wesentlich rascher als die Pflanzen.

An vielen Orten in der Rekultivierung werden auch gezielt besondere Bodenarten ausgebracht wie z. B. nährstoffarmer Kies, Sand oder Ton. Solche Flächen bleiben meist sich selbst überlassen. In anderen Bereichen werden Wiesen und wiesenartige Feldraine angelegt, oder Teiche und Sumpfzonen. So bildet die Rekultivierung mit ihrer raum-zeitlichen Dynamik ein Standortmosaik, das einer artenreichen Flora Lebensraum bietet.
Die Pflanzen und ihre Vergesellschaftungen eignen sich ganz besonders zur Charakterisierung von Lebensräumen. Von praktisch allen heimischen Pflanzen sind die Lebensraumansprüche so gut bekannt, dass man von ihrem Vorkommen sehr genau auf bestimmte Standorteigenschaften schließen kann. Ellenberg (1991) hat für die Pflanzen Mitteleuropas ein System der Bioindikation entwickelt, mit dem man differenzierte Aussagen über den Lichtgenuss, das Mikroklima, die Bodenreaktion, die Stickstoffverfügbarkeit und den Wasserhaushalt eines Standorts treffen kann. Wegen dieser guten Kenntnisse und natürlich wegen der leichten Beobachtbarkeit sind die Pflanzen die Standardobjekte bei der Bioindikation. Wegen der allgemein guten Kenntnisse sind auch ihre Vielfalt und Gefährdung so gut bekannt, dass sie für die Beurteilung der biologischen Vielfalt einer Landschaft und ihrer Gefährdung eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Häufig wird bei Landschaftsbewertungen daher nur die Vegetation berücksichtigt, oft mit dem Hinweis, dass die Tierlebensgemeinschaften von diesen ohnedies abhängig seien. Das ist nur bedingt richtig, denn vielfältige Untersuchungen haben belegt, dass aus der Vegetation fast nie mit hinreichender Sicherheit auf die tatsächlichen Tierlebensgemeinschaften geschlossen werden kann.