Insekten in der Rekultivierung

Lebendige Natur durch Landwirtschaft

Angestoßen durch die aktuelle Debatte um das Insektensterben, lag der Untersuchungsfokus der Forschungsstelle Rekultivierung 2018 auf dem Thema Insekten. Unter dem Motto „Lebendige Natur durch Landwirtschaft“ wurden in den landwirtschaftlichen Rekultivierungsbereichen des Tagebaus Garzweiler ausgewählte Insektengruppen genauer unter die Lupe genommen werden. Das Untersuchungskonzept lehnte sich an mehrjährige Studien unter gleichem Motto aus den Jahren 1993 bis 2000 an, die zum Ergebnis kamen, dass Ackerbegleitstrukturen und bewirtschaftungsintegrierte Blühstreifen in erheblichem Maße zur Artenvielfalt der Insekten in Agrarlandschaften beitragen.

Blühstreifen (Foto: Klaus Görgen).

Umfangreiche Untersuchung von sieben Tiergruppen - 232 Arten erfasst

Um zu überprüfen, ob sich die Aussage, Insekten seien in landwirtschaftlich geprägten Börden zu einem großen Anteil verschwunden, generell auch auf landwirtschaftliche Rekultivierungsflächen übertragen lässt, wurden maßgebliche Untersuchungsansätze aus den seinerzeit durchgeführten Erfassungen erneut aufgegriffen. So sollte geklärt werden, ob das Vorhandensein von nicht durch die Bewirtschaftung geprägten Begleitlebensräumen weiterhin maßgeblich für die Förderung der Artenvielfalt ist.

Untersucht wurde sieben verschiedene Tiergruppen: Wildbienen, Tagfalter, Heuschrecken, Wanzen, Marienkäfer, Schwebfliegen und Weichkäfer. Insgesamt wurden dabei 232 verschiedene Insektenarten erfasst, darunter 31 Arten, die laut Roter Liste als gefährdet gelten. Die folgenden Abbildungen zeigen die Verteilung der erfassten Arten auf die untersuchten Tiergruppen sowie den Rote Liste Status der erfassten Arten auf den für das Untersuchungsgebiet relevanten Roten Listen Niederrheinische Bucht, Nordrhein-Westfalen und Deutschland. Nicht für alle Tiergruppen liegt ein Roter Liste Status vor (z. B. keine Rote Liste für Weichkäfer, Marienkäfer; vorläufige Rote Liste für Wanzen).

Nährstoffarme Rohböden und Luzerneflächen locken spezielle "Rekultivierungsarten"

Bei der Untersuchung wurde das Ergebnis vergangener Studien bestätigt: Die Begleitstrukturen sowie die landschaftsgliedernden Elemente in der Rekultivierung stellen in ihrer Ausdehnung, Strukturvielfalt und durch das Vorhandensein von Kleinstbiotopen eine Besonderheit dar, wie man sie sonst in der Agrarlandschaft nur selten findet. Aus diesem Grund findet man in der Rekultivierung nicht nur vergleichsweise viele, sondern auch besonders typische „Rekultivierungsarten“, die insbesondere auf vegetationsarmen oder vegetationslosen Flächen mit offenen Bodenstellen vorkommen.

Eine dieser besonderen Arten ist beispielsweise die Blauflügelige Ödlandschrecke, eine stark gefährdete Heuschreckenart, die sich besonders auf mageren Standorten mit offenen Bodenstellen wohlfühlt, auf denen sie dank ihrer Musterung gut getarnt ist. Weiterhin fanden sich u. a. der seltene Kleine Sonnenröschen-Bläuling oder der Schwalbenschwanz, die trockene und vor allem magere Standorte bevorzugen. Die nach dem Bodenauftrag noch relativ nährstoffarmen Bodensubstrate in der Rekultivierung tragen dazu bei, dass solche Arten hier einen geeigneten Lebensraum finden.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der landwirtschaftlich rekultivierten Flächen ist die siebenjährige Zwischenbewirtschaftung, während derer u. a. drei Jahre lang Luzernebrachen angelegt werden. Diese ziehen ebenfalls besondere Falterarten, wie die Goldene Acht oder den Kurzschwänzigen Bläuling an, deren Raupen sich von Luzerne ernähren.

Schwalbenschwanz (Papilio machaon), Raupe der Goldenen Acht (Colias hyle) (Fotos: J. Rodenkirchen), Luzernfläche (Foto: S. Scheffler) und Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) (Foto: O. Tillmanns).

Auf blüten- und gehölzreichen Flächen lebt es sich besonders gut

Sehr beliebt bei den Insekten waren auch Flächen, die einen ausgeprägten Blütenhorizont aufweisen, wie es bei den noch jungen Blühstreifen auf der Autobahninsel der Fall ist. Hier tummelten sich besonders viele Blütenbesucher, wie Schwebfliegen, Wildbienen und Weichkäfer, so z. B. die solitäre Seidenbienenart Colletes marginatus, die auf Schmetterlingsblütler spezialisiert ist und in Nordrhein-Westfalen als vom Aussterben bedroht gilt.

Auch Flächen in denen Gehölze eingebracht waren, wirkten sich positiv auf das Vorkommen verschiedener Arten aus. So fanden sich beispielsweise auf der Kasterer Höhe gehölzgebundene Falterarten, wie der gefährdete Kaisermantel oder Heuschrecken, die auf Gehölze angewiesen sind, wie die Südliche und die Gemeine Eichenschrecke.

Kaisermantel (H. Bombelka)
Kaisermantel (H. Bombelka)
Colletes marginatus (O. Diestelhorst)
Colletes marginatus (O. Diestelhorst)

Als Ergebnisse der Untersuchungen lassen sich folgende Sachverhalte zusammenfassend festhalten:

  • Sonderstrukturen in der Landwirtschaft sind maßgeblich für die Förderung der Artenvielfalt wirbelloser Tierarten.
  • Kennzeichnend für die Begleitstrukturen sowie die landschaftsgliedernden Elemente in der Rekultivierung ist eine Ausdehnung, Strukturvielfalt und das Vorhandensein von Kleinstbiotopen, wie man sie sonst in der Agrarlandschaft nur selten findet.
  • Typische Arten der Rekultivierung sind vor allem solche, die auf vegetationsarmen oder vegetationslosen Flächen mit offenen Bodenstellen vorkommen.
  • In den Sonderstrukturen der landwirtschaftlichen Rekultivierung wurde im Rahmen der Untersuchung kein Rückgang der Artenvielfalt der Insekten im Vergleich zu den früheren Untersuchungen festgestellt.
  • Bei der Gestaltung der Rekultivierungslandschaft sollten nährstoffarme Bodensubstrate und Abbruchkanten in größeren Umfang Verwendung finden. Auf diese Weise kann die Biodiversität in der rekultivierten Offenlandschaft maßgeblich und nachhaltig erhöht werden.

Den kompletten Ergebnisbericht zur Untersuchung können Sie über folgenden Link herunterladen:

Download Ergebnisbericht Insekten [8.777 KB]